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«Mit überzeugenden Lösungen kann ein Kulturschock vermieden werden»

prof. dr. ruile herbert

Die Planung einer neuen Logistikinfrastruktur wird von unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst. Umso wichtiger ist ein kooperatives Vorgehen von Ersteller und Kunde. Dies gewährleistet eine für beide Partner konstruktive Lösung, meint Professor Dr. Herbert Ruile.

Oft hat ein Unternehmen, das mit Problemen im Intralogistik-Bereich konfrontiert ist, fixe Vorstellungen, wie diese Probleme zu lösen sind. Frei nach dem Motto: «Das haben wir schon immer so gemacht!» Nach einer Lageanalyse stehen jedoch oftmals ganz andere geeignetere Alternativen im Raum. Wie überzeugt man den Kunden von einer Lösung, die er sich so nicht unbedingt vorgestellt hat?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Die Erfahrung zeigt, dass viele Unternehmen mit der vorhandenen Logistikinfrastruktur eigentlich ganz zufrieden sind. Die Anlage funktioniert und man kann damit gutes Geld verdienen. Doch der Druck, die Logistikinfrastruktur zu optimieren, kommt in erster Linie vom Markt, beispielsweise durch Leistungsdefizite gegenüber den Wettbewerbern. Dann sind umfangreiche Überlegungen angesagt, um nach den Gründen dieser Entwicklung zu suchen. Gelangt nun der Logistikberater zur Erkenntnis, dass an der bestehenden Infrastruktur wesentliche Änderungen notwendig sind, kann dies einen Kulturschock beim Unternehmen auslösen. Wichtig ist, dass man dem Kunden eine neue Lösung überzeugend und so kundennah wie möglich präsentiert und ihm vor allem den Kundennutzen der neuen Anlage vor Augen führt. Im Vordergrund steht aber auch die Frage, wie das Unternehmen grundsätzlich auf die Veränderungen am Markt reagiert, wie dynamisch es ist und wieviel Veränderung das Unternehmen erträgt. Diese Fragen müssen intensiv mit dem Kunden und dessen Mitarbeitenden diskutiert werden.

Die Realisation einer leistungsfähigeren Logistikanlage ist in vielen Fällen mit der Einführung neuer Arbeitsabläufe verbunden. Eine Herausforderung für das Unternehmen und den Logistikdienstleister. Welche Rolle spielt dabei die Unternehmenskultur der Partner und welche Konfliktpotenziale sollte man dabei im Blick haben?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Bei der Planung einer neuen Logistikinfrastruktur spielen eine ganze Reihe von Einflussfaktoren eine Rolle. Beispielsweise muss der Kunde davon überzeugt werden, dass er in Zukunft die Herausforderungen seitens des Marktes beziehungsweise seiner Kundschaft nur mit einer modernisierten Anlage erfüllen kann. Im Rahmen dieser Diskussion ist es sicher von Vorteil, wenn der Kunde bereits im Vorfeld abklärt – eventuell mit einem weiteren Berater – welche Lösung für ihn die beste sein könnte. Es ist oft nicht immer einfach für den technologieorientierten Systemanbieter und den Berater, den richtigen Zugang des Betreibers zur geplanten Anlage zu ermöglichen. Ist die Lösung zu komplex, wird der Kunde möglicherweise verunsichert.

Verschiedene Unternehmen befürchten bei einer Auftragsvergabe für eine neue Anlage den Verlust der Kontrolle über die ausgelagerten Prozesse und damit eine Abhängigkeit vom Logistikdienstleister. Ist das tatsächlich so?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Meiner Meinung nach ist nicht davon auszugehen, dass der Kunde in der Offertphase ein Problem damit hat, wenn es darum geht, eine grössere Kostentransparenz zu erzeugen. Viel eher ist nämlich zu vermuten, dass er über die notwendigen, relevanten Daten oft gar nicht verfügt. Noch immer besteht in zahlreichen Betrieben keine detaillierte Prozesskostenrechnung, eine Erfahrung, die wir schon öfter gemacht haben. In Zusammenarbeit mit den Controllern des Kunden haben wir jeweils versucht, eine transparente Kostrechnung zu erarbeiten, das heisst, aus Gemeinkosten Prozesskosten zu eruieren. Dies ist allerdings mit recht grossen Aufwendungen verbunden, denn es ist gar nicht so einfach, bei bestehenden Anlagen die entsprechenden Prozesskosten exakt zu errechnen. Wichtig ist in dieser Beziehung eine Analyse der bestehenden Abläufe im Lager, um daraus zu erfahren, wo welche Prozesskosten anfallen. Nicht zu vernachlässigen sind in diesem Zusammenhang die Opportunitätskosten. Die Leistungsfähigkeit beziehungsweise die Verfügbarkeit des Lagers sind ebenso wichtige Kriterien. Die Frage, wie der Anlagenbetreiber seinen und wie diese wiederum ihren Kunden einen noch besseren Service bieten können, zielt auf Umsatz und nicht auf Kosten ab. Bei einer Gesamtnutzenberechnung müssen alle diese Faktoren berücksichtigt werden.

Wichtig ist aber auch die frühzeitige Einbindung der relevanten Mitarbeitenden in ein neues Projekt. Wie kann der Berater hier den Kunden unterstützen?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Das Veränderungspotenzial eines Unternehmens hängt auch von den einzelnen Mitarbeitenden ab. Tragen diese die angestrebte Lösung mit, ist das sehr positiv zu bewerten. Deshalb ist es absolut notwendig, die Mitarbeitenden so früh wie nur möglich in neue Projekte einzubinden und sie zur Mitgestaltung am Projekt zu motivieren. Plötzliche Veränderungen führen zur Verunsicherung der Belegschaft. Hilfreich ist es auch, wenn sich die mit dem Projekt betrauten Mitarbeitenden in ähnlich gelagerten Unternehmen umsehen könnten, um einen realistischeren Eindruck einer geplanten Anlage zu erhalten. Dies kann entscheidend dazu beitragen, den involvierten Personen einen vertieften Eindruck im Hinblick auf neue Lösungen zu verschaffen. Ferner dürfte damit das Verständnis für notwendige Veränderungen im Betrieb gefördert werden.

Die sorgfältige Kalkulation der Prozesskosten und die möglichen Einsparpotentiale spielen eine wichtige Rolle bei der Beratung des Kunden. Inwiefern kann und darf der Berater hier auf die Erfahrungen mit früheren erfolgreich realisierten Projekten zurückgreifen?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Es gibt unterschiedliche Kunden und somit auch unterschiedliche Logistiklösungen. Wichtig ist bei neuen Projekten, dass nach der Realisation der Anlage eine offene «Manöverkritik» über die gewählte Vorgehensweise und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen stattfindet. Ein intensiver Lernprozess ist äusserst hilfreich und aus diesem können beide Parteien enorm viel lernen. Zudem resultieren daraus Erfahrungen, welche in spätere Projekte einfliessen können. Damit kann das gegenseitige Vertrauen zwischen dem Planer beziehungsweise dem Ersteller der Anlagen und dem späteren Betreiber gestärkt werden.

Umweltaspekte und Energiefragen spielen bei Logistikprojekten eine immer grössere Rolle und erfordern vom Logistikplaner eine umfassende Aufklärung über energieeffiziente Abläufe in der Logistik. Welche Rolle spielt dieser Aspekt in Zukunft und was heisst dies für die Ausgestaltung der Partnerschaft?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Es gibt Projekte, bei denen Umwelt- oder Energieaspekte eine eher untergeordnete Rolle spielen. Andererseits gibt es Kunden, beziehungsweise Projekte, bei denen durchaus Aspekte bezüglich Umweltschutz und Energieeinsparungen im Vordergrund stehen. Angesichts der derzeit umfangreichen Forschungsaufwendungen im gesamten Energiebereich werden energiesparende Konzepte und Lösungen in naher Zukunft auch eine grössere Bedeutung im Bereich der Logistik erlangen. Der Druck zu effizienten Lösungen punkto Energieverbrauch und reduzierten Emissionen kommt derzeit nicht unbedingt vom Markt, sondern vielmehr von der Politik, welche in Energie- und Umweltfragen die Rahmenbedingungen beeinflusst und auch festlegt. Daher ist damit zu rechnen, dass auch in der Logistik das Denken in Kreisläufen stärker in den Vordergrund rückt. Dies wiederum setzt eine intensive partnerschaftliche Diskussion zwischen dem Ersteller von Logistikanlagen und dem Betreiber voraus.

Zur Partnerschaft gehört auch ein umfassender Support bei Kundendienst und Wartung der eingesetzten Geräte. Wie kann der Logistikdienstleister hier den Kunden bei der Gestaltung und Absicherung der Intralogistik-Prozesse unterstützen?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Der Servicegedanke wurde in den vergangenen Jahren verstärkt vom Thema Outsourcing beeinflusst. Nicht wenige Betreiber einer Anlage haben in den vergangenen Jahren Service und Wartung der eingesetzten Geräte an professionelle Dienstleister ausgelagert, in vielen Fällen an den Hersteller der Geräte. Gründe dafür sind einerseits der Mangel an Personal, welches zeitweise ja nicht voll ausgelastet ist. Ein wichtiger Aspekt sind hier auch die neuen Möglichkeiten im Rahmen von Industrie 4.0. Durch die Digitalisierung und die enge Vernetzung aller Komponenten im Lager können das Flottenmanagement, aber auch andere Bereiche wie etwa das Gebäudemanagement integriert und damit deutlich effizienter gestaltet werden.

Welche Rolle spielen neben der Wahl der richtigen Komponenten einer Logistikanlage die zeitgerechte Realisation und Übergabe der Anlage und was bedeutet dies für das Zeitmanagement des Beratungs- und Implementierungsprozesses?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Wird die Anlage nach ihrer Errichtung und Inbetriebnahme gestartet, ist der Implementierungsprozess längst noch nicht abgeschlossen. Vielmehr muss während einer gewissen Zeit das Personal, welches die Anlage betreibt, permanent geschult und instruiert werden. Dies umfasst einen längeren und meist intensiven Erfahrungs- und Lernprozess sowohl für den Anlagenersteller als auch für den Kunden. Ein Projekt ist nicht mit der Installation und der Inbetriebnahme abgeschlossen, sondern erst dann, wenn die Anlage die volle Leistung erbringt.

Ist ein Projekt erfolgreich realisiert und läuft der Betrieb praktisch reibungslos, ist dies für den Ersteller wie für den Kunden ein gleichermassen positiver Zustand. Inwieweit beeinflusst ein erfolgreich absolvierter Beratungsprozess das Vertrauensverhältnis zwischen Kunden und Ersteller beziehungsweise Berater für das Projekt?

Prof. Dr. Herbert Ruile: Wenn der Ersteller der ersten Anlage sich in der Zwischenzeit technisch weiterentwickelt hat, dann hat er gute Chancen, erneut berücksichtigt zu werden. Stehen diverse, technisch in etwa gleich gute Offerten bei einer Ausschreibung zur Auswahl, kann der bisherige Partner mit einem Vertrauensbonus rechnen. Wer eine Lösung anbietet, welche die von Mitbewerbern übertrifft und dem Kunden beispielsweise einen deutlichen Mehrwert generiert, hat gute Karten, erneut als Lieferant zum Zug zu kommen. Die möglichst perfekte Lösung für den Kunden ist die Chance für den Anbieter und die Basis für eine innovative Partnerschaft zwischen Logistiker und Kunde.