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Materialfluss: Die Zukunft ist gläsern

Materialfluss optimieren durch transparente Lagerverwaltung: Systematisch aufbereitete und analysierte Lagerdaten machen Intralogistik und ihre Fördersysteme immer effizienter. Und mehr noch: Das «gläserne Lager» rechnet sich wirklich.

Ausverkauft! Die Dinger sind einfach nicht mehr zu bekommen, meldete im Juni die Luzerner Zeitung. Und das, obwohl doch die Fidget Spinner, diese kleinen Propeller-Kreisel, die sich zwischen den Fingern drehen, der «Renner des Jahres» auf Pausenplätzen, in Badis und selbst in Büros und Meeting-Räumen sind. Den Fidget (engl. Fidget: Unruhe, Zappelphilipp) Spinner (engl. to spin: drehen, kreiseln) hatten sich Studenten ausgedacht und mit Ersatzteilen aus dem Baumarkt konstruiert. Das Ding, das aussieht wie eine Kreuzung aus Propeller und Ninja-Wurfstern ist längst mehr als eine studentische Spielerei zum Zeitvertreib. Therapeuten sehen darin sogar ein geeignetes Hilfsmittel, das bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefiziten oder Hyperaktivität stressabbauend und beruhigend wirken soll. Weltweit boomt der Spinner und findet millionenfach Absatz. Innert kürzester Zeit hat er sich bereits auf das Niveau des legendären Zauberwürfels, von Finger-Skateboards und Spielzeug-Schleim hochgeschraubt. Kurzum: ein echter Blockbuster im Spielwarenhandel.

Der kometenhafte Aufstieg des flotten Fingerkreisels stellt einmal mehr die Spielwarenbranche vor nicht vorhergesehene, aber überaus erfreuliche Herausforderungen. Bei plötzlicher Nachfrage am Markt gilt es, den Handel mit ausreichend Nachschub zu versorgen. Weil aber das Etikett «ausverkauft» einem ohnehin oft sehr kurzlebigen Trend die Luft noch schneller ausgehen lässt, sind von den Marktbeteiligten nicht nur Fingerspitzengefühl im Materialfluss, bei der Beschaffung und der Bereitstellung zusätzlicher Fertigungskapazitäten gefragt. Es kommt vor allem auch auf eine leistungsfähige, hochagile Lager- und Distributionslogistik und entsprechende Lagerverwaltungs- und Fördersysteme an.

2.000 Artikel fordern die Logistiksysteme

Einer, der mit Trends und sprunghafter Nachfrage nach einzelnen Produkten umzugehen versteht, ist Madal Bal mit Firmensitz in Ehrendingen im Kanton Aargau. Das Unternehmen beliefert hauptsächlich den Grosshandel mit Geschenkartikeln und Reformprodukten und vertreibt zudem im E-Commerce Stifte und Gadgets für Büro- und Privatkunden. Madal Bal hat dazu zirka 1’500 bis 2’000 Artikel mit Neuheiten auf wöchentlicher Basis im Sortiment und liefert diese in 15 Länder. Zudem gibt es im Webshop laufend Aktionsangebote für Schnäppchenjäger. Der Materialfluss und die Logistiksysteme sind da richtig gefordert.

«Bei Boom-Artikeln kommt es immer darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen», weiss Andreas Beyer, Gründer und Geschäftsführer der Madal Bal AG. «Booms sind nämlich oft so schnell vorbei, wie sie begonnen haben. Das hatten wir zuletzt bei Fensterfarben erlebt, als alle Welt wie verrückt danach war, die Fenster eigenhändig zu verschönern. Da wollten wir zur richtigen Zeit, die richtige Menge an Artikeln verfügbar haben und vor allem nicht am Ende auf einem Berg unverkäuflicher Ware sitzen bleiben.»

Wenn quasi aus dem Nichts eine Produktneuheit einen Boom auslöst oder aber aus einem zuvor weniger nachgefragten C-Artikel auf einmal ein A-Artikel wird, ist eine flexible Lagerarchitektur mit intelligenten Fördersystemen und entsprechender Fördertechnik gefragt. «Im Zuge unseres Wachstums bauen wir gerade unser Lager von 2’000 auf 3’000 Palettenstellplätze aus. Die Herausforderung bestand darin, dass wir fast ausschliesslich im Karton kommissionieren», erklärt Beyer. «Daher muss unser Lagersystem in der Lage sein, auftragsbezogene aktuelle Priorisierungen nachzuvollziehen und dabei maximal flexibel im Umgang mit Behälterware, Palettenware, Piece-Pick oder Case-Pick sein. Denn erst dann beweist sich, dass ein ‹mitdenkendes› Lager ein strategischer Vorteil ist.» Madal Bal habe sich deswegen entschlossen, die Lagerlogistik von zwei externen Lagern auf ein eigenes Hochregallager umzustellen. «So arbeiten wir günstiger und effizienter und haben alles unter eigener Kontrolle», so Beyer.

«Um unsere Intralogistik entsprechend steuern zu können, wollen wir zum Beispiel genau wissen, welche Anforderungen eine sprunghaft gestiegene Nachfrage an die Kommissionierung stellt, welche Paletten und Kisten wann jeweils bewegt und verarbeitet werden müssen und wie viele Picks an welcher Stelle pro Stunde tatsächlich anfallen. Je mehr wir wissen, desto exakter können wir planen und unsere Effizienz erhöhen», sagt Beyer. «Die Zahl der Picks bildet dabei sehr genau den Pulsschlag im Material- und Warenfluss ab.» Die Erfassung aller relevanten Logistikdaten und ihre Analyse werden so für den Logistiker zum Schlüssel, um Türen zur Zukunft zu eröffnen.

Mit Plan zum optimierten Materialfluss

Madal Bal hatte dazu sein Lager mithilfe von Jungheinrich fit gemacht für einen optimierten Materialfluss. Im Mittelpunkt standen dabei das Lagermanagement, die Bestandsoptimierung und die Steuerung und Teilautomatisierung der Fördersysteme und der Fördertechnik. Vorausgegangen war ein etwa zweijähriger Beratungs- und Planungsprozess. «Es kam alles auf den Prüfstand, alle Abläufe, alle Anforderungen und Eventualitäten», berichtet Beyer. «Und alle denkbaren Lösungen und ihre Wirtschaftlichkeit: vom halbautomatischen bis zum vollautomatischen Lager, von der Zusammenarbeit mit einem bis hin zu mehreren Anbietern.»

Für Unternehmen wie Madal Bal gab es Zeiten, in denen ein Lager die Funktion hatte, Kartons so sinnvoll zu positionieren, dass das Personal dazwischen herumlaufen und für die Bestellungen die Ware händisch entnehmen konnte. In Zeiten des E-Commerce, der Erwartung von Same-Day-Delivery und der Entwicklung zu Aufträgen mit der Losgrösse 1 wäre mit solchen Prozessen kein Staat mehr zu machen.

In der Kleinteile-Distribution, wie sie sich Madal Bal auf die Fahnen geschrieben hat, liegen zwischen Warenein- und -ausgang fast immer Welten. Wenn beispielsweise fünf Paletten Sammelgut mit Schreibwaren angeliefert werden, können daraus 30 Aufträge versendet werden. Ein Auftrag kann dabei aus zehn Positionen bestehen. Das bedeutet Kommissionierung auf höchstem Niveau. Vor Komplexität dürfen Intralogistiker bei Madal Bal also keine Scheu haben. Im neuen modernen Schmalgangregallager nutzen sie dazu künftig ein halbautomatisches Gerät, das streckenoptimiert, auftragsbezogen und maximal effizient die jeweiligen Positionen anfährt. Der Kommissionier-Stapler bekommt dazu vom Warehouse-Management-System den Auftrag, der sofort auf dem Monitor erscheint. Der Fahrer muss nur noch den Auftrag bestätigen und Gas geben. Die Lagernavigation führt ihn mit Transpondertechnologie auf dem schnellsten Weg zum Ziel. Angekommen, fährt die Kabine hoch und beleuchtet das Gefäss, aus dem der Mitarbeitende die Ware entnehmen soll. Und weiter geht’s. So sind im Madal Bal-Lager jetzt 100 Picks pro Stunde möglich. «Das chaotische Lagersystem erlaubt uns, auftragsbezogen alle verfügbaren Plätze zu nutzen. Dies gibt uns ein hohes Mass an Flexibilität», freut sich Beyer.

Die Rahmenbedingungen für Handelsunternehmen wie Madal Bal setzt die Digitalisierung. Big Data, Predictive Analytics oder Industrie 4.0 sind längst als gelebte Realität in der Logistik angekommen und setzen die Leitplanken für weiteren disruptiven Wandel. Sie sind damit zugleich die Motoren einer immer dynamischeren Distributionslogistik, die die Hersteller und Händler im «digitalen Rennen» hält. Experten sprechen bereits von einem «Paradigmenwechsel». Bestimmt wird dieser insbesondere vom E-Commerce und Online-Handel, die nach extremer Handlungsschnelligkeit, neuen Organisationsstrukturen und maximaler Datentransparenz verlangen, und zwar über die gesamte Supply Chain hinweg – vom Lieferanten über den Wareneingang, dem Verteilzentrum, dem Transport bis hin zur Anlieferung der Waren am Zielort, sei es im Filialregal oder direkt an die Haustüre des Endkunden.

Materialfluss und Intralogistik der unbegrenzten Möglichkeiten

«Die digitale Transformation bietet in der Intralogistik ein nahezu grenzenloses Feld der Möglichkeiten. Es reicht vom einfach strukturierten manuellen Lager bis zur hochkomplexen Vollautomatisierung – und damit von Investitionen vom Tausender- bis in den mehrstelligen Millionen-CHF-Bereich», erklärt Arne Holland, Leiter Integrierte Logistiksysteme und Prozessoptimierung bei Jungheinrich Schweiz. «Für jede Anforderung gibt es immer zig Möglichkeiten. Doch am Ende kommt es für den Kunden darauf an, welche Ziele seine Intralogistik erreichen soll und wie am Ende die Investition und die – in der Schweiz im internationalen Vergleich hohen – Lohnkosten im Sinne einer gewinnbringenden Logistikbilanz abgewogen werden können.» Die entscheidende Messgrösse dafür seien die Gesamtbetriebskosten, TCO, einer Anlage. Arne Holland rechnet dies an einem Beispiel vor: «Wenn in einem manuellen Lager für den Umschlag von 300 Paletten zehn Leute, in einem sich weitgehend selbststeuernden automatisierten Lager aber dafür nur drei Arbeiter benötigt werden, wird der Zusammenhang von Investition und Lohnkosten für eine Logistikleistung über einen Entwicklungszeitraum von zehn Jahren ziemlich leicht kalkulierbar.»

Auf die Materialflussanalyse kommt es an

Die Voraussetzung für einen solchen massgeschneiderten, optimierten Materialfluss schafft erst eine systematische Erfassung und Strukturierung einer Vielzahl von relevanten Daten. Dazu, weiss Arne Holland aus langer Beratungserfahrung, müsse zunächst mit den Entscheidern geklärt werden, welche Bezugsgrössen für die Steuerung der jeweiligen intralogistischen Prozesse erheblich seien. «Das Controlling interessiert sich in der Bilanz für Lagerbewegungen und die dazu notwendigen Aufwendungen im Jahresverlauf. Intralogistiker fragen hingegen nach Picks pro Stunde und nach Anlagensteuerung zu saisonalen Spitzen oder bei speziellen Aktionsangeboten“, so Holland. Hier gelte es oft, erst einmal eine bewertungs- und entscheidungsrelevante Datenbasis herzustellen.

Maximale Datentransparenz, so Holland, sei für ein maximal effizientes «gläsernes Lager» eine unabdingbare Voraussetzung. Im Fokus der Planer sind dabei Stammdaten, Abfahrtszeiten, die Warehouse-Layouts, Maschinenzustände oder externe Rahmenbedingungen wie Wetter- und Strassenlagen, Transport- und Frachtkapazitäten oder die Verfügbarkeit qualifizierten Personals. «Das Zusammenspiel und die Abhängigkeit der einzelnen Parameter voneinander unterliegen einem permanenten Wandel und erfordern ein hohes Mass an Flexibilität in der Auftragsabwicklung beziehungsweise in der Priorisierung», sagt der Logistik-Consultant. Diese Dynamik wirke sich auch auf vorausschauende Analysen aus. Änderten sich Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen, sollten sich idealerweise die Prozesse möglichst eigenständig den neuen Verhältnissen anpassen.

In vier Schritten zur Lageroptimierung

Welche Lösung für welchen Kunden die beste ist, finden die Prozess- und Logistikberater von Jungheinrich gemeinsam mit den Kunden in einem vierstufigen Verfahren heraus. Auf die Datenerhebung und -analyse folgt eine Bewertung, die die Grundlage für die Grobplanung bildet. Im nächsten Schritt gilt es, mögliche Modelle und Tools abzugleichen und in die Feinplanung überzugehen. In jedem einzelnen Schritt werden die Intralogistik und die Supply-Chain-Prozesse quantifiziert. Auf der Grundlage von langjähriger Erfahrung sowie hoher Technik- und Systemkompetenz identifizieren die Logistikberater dann gemeinsam mit den Kunden die im Preis-Leistungsverhältnis optimale Lösung.

Eine solche systematische Zukunftsplanung hat nichts mit einem spekulativen Blick in die «Glaskugel» zu tun. «Je umfangreicher und systematischer die Datenerhebung ausfällt, desto präziser lassen sich auch die Szenarien gestalten, wie sich das neue Intralogistik-System später unter verschiedenen Ausgangsbedingungen verhalten wird», sagt Arne Holland. «Wir haben bei Jungheinrich eigens mathematische Programme für die Simulation der unterschiedlichsten Szenarien und Lagerausstattungen entwickelt. Was vorher eher schwer vorstellbar und abstrakt erschien, können wir uns jetzt bis ins Detail anschauen.» Die Gedankenspiele zu einem neuen Lagerverwaltungssystem und zu einem optimierten dynamischen Materialfluss erwecken die Simulationsprogramme zum «Leben». Das Material gerät auf dem Bildschirm in Fluss. Eine solche «Fluide Logistik» lässt sich dann für den Anwender bereits mit allen erdenklichen Zukunftsszenarien durchspielen. Fensterfarben oder der Fidget-Spinner mögen dann für den Markt eine schöne Überraschung sein. Für die Logistik und ihre Prozesse im mitdenkenden «gläsernen Lager» ist der Fingerpropeller nur eine mathematische Fingerübung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da kann der nächste Trend kommen.